Im Banne Michail Gorbatschows

Erlebnisbericht von Raphael-Nicola Keric

(Diskussionsleiter)



 
 
 
Es ist morgens, acht Uhr, als ich die Aula betrete. Es bleibt nicht mehr viel Zeit um endgültige Änderungen an der Dekoration und an der Sitzordnung vorzunehmen.
Obwohl der Großteil der Schüler wie gewohnt in den Klassenräumen sitzt, liegt eine spürbare, aber positive Spannung in der Luft.
Noch immer wissen wir nicht genau, wann Michail Gorbatschow am Flughafen Schönefeld eintreffen wird und hoffen die neusten Informationen als erste zu erfahren.
Einige Schüler, die aufgrund von geschlossenen Bereichen des  Schulgebäudes nicht mehr in ihren Raum zurückkehren können, laufen neugierig durch die Flure.
9.16 Uhr. Die ersten Pressegäste treffen ein und werden von uns empfangen. Man klärt sie über den Stand der Dinge auf und wie es zu diesem außergewöhnlichen Treffen gekommen ist.
Immer mehr Leute versammeln sich vor der Haupttreppe im Erdgeschoss, es gilt nun den Überblick zu behalten und weitere eintreffende Gäste zu empfangen.
Nach letzten Informationen ist Gorbatschow nun auf dem Weg zur Schule.
Viele von uns sind aufgeregt, es sind nur noch wenige Minuten bis der ehemalige Generalsekretär mit uns auf der Bühne sitzen wird.
Ein Kamerateam des „Rundfunk Berlin Brandenburg“ steht vor der Schule und interviewt einige Schüler, mitunter auch mich. Kurz darauf warte ich dann gespannt mit den anderen auf die Ankunft des damals mächtigsten Mannes der Sowjetunion.
Ein halbes Dutzend Fotografen, Herr Beutler, Fabienne, Tim-Joschkar, Dennis und ich stehen am Hofeingang der Schule bereit, als, wie zu besten Kremlzeiten, Polizeiwagen und schwarze Limousinen auf den Schulhof fahren.
Eine Autotür wird geöffnet und der Mann, auf den wir alle warten, steigt aus und erste Fotos werden geschossen.
Etwas klein und vor allem alt sieht er aus, der Mann, der die Wiedervereinigung Deutschlands einleitete. Einige Meter vor uns bleibt er stehen, verneigt sich leicht und gibt ein „Guten Tag“ mit stark russischem Akzent von sich. Stolz schütteln wir Gorbatschow die Hand, während die klickenden Kameras auf uns gerichtet sind.
Im Nachhinein stellt sich heraus, dass der Gang vom Hof zum Podium, sowie der später folgende Rückweg das Highlight des Besuchs darstellen.
Es gestaltet sich schwierig, dass Gefühl mit Herrn Gorbatschow die Treppe heraufzusteigen, während seine Leibwächter versuchen sich einen Weg durch die Fotografen zu bahnen, in Worte zu fassen. Ein Blitzlichtgewitter solchen Ausmaßes sind vielleicht viele bekannte Personen gewohnt, sogar auch schon leid, doch ich koste jede Sekunde dieses besonderen Augenblicks aus.
Den Höhepunkt dieses Spektakels erreichen wir mit dem Betreten der Aula, dass heißt mit dem Hinaufsteigen zur Bühne. Wie in Zeitlupe erlebe ich den Moment, wo tosender Beifall den Raum erfüllt, als Michail Gorbatschow die Aulabühne der HWO betritt und am Tisch Platz nimmt.
 
Fabienne hält die Eingangsrede und übergibt Gorbatschow dann das Wort, der eine 30-minütige Zusammenfassung seines bisherigen Werdegangs sowie eine persönliche Beurteilung vergangener und aktueller Geschehnisse wiedergibt. Unglücklicherweise leidet diese stark unter der etwas schwer zu verstehenden Übersetzung der russischen Dolmetscherin. Mehrmals versuchen wir Gorbatschow auf die fortgeschrittene Zeit aufmerksam zu machen, was sich jedoch schwieriger gestaltet, als wir uns erhofft hatten. Etwas grimmig willigt er ein sich kürzer zu fassen.
Doch auch ich vernachlässige das Mitschreiben wichtiger Punkte, die der ehemalige Staatssekretär während seiner Rede anspricht und ertappe mich dabei, wie ich mir Gorbatschow im Politbüro vorstelle, den Mann, der die Welt verändern wollte, Glasnost, Perestroika, die Wörter die einem nicht aus dem Kopf gehen. Obwohl wir alle Gorbatschow nie während seiner Amtszeit bewusst erlebt haben, strahlt er eine gewisse Aura aus, der man sich auch als „Nichtinteressierter“ kaum entziehen kann.
Einer Assistentin gelingt es schließlich Gorbatschow durch eine Notiz davon zu überzeugen, die eigentliche Diskussion zu beginnen.
Auch während die Fragen gestellt werden, fällt es mir schwer mich nicht durch Gorbatschow ablenken zu lassen. Mich interessiert, was er gerade denkt, wie sieht er unsere Schule, macht ihm das hier tatsächlich Spass oder ist es nur ein lästiger Termin den man aus Höflichkeit wahrnimmt, so wie es Teile der Presse aufgefasst haben?
Plötzlich merke ich wie Gorbatschow meinen Kugelschreiber nimmt, um ein ihm vorgelegtes Buch zu signieren. Überträgt er etwas von der Faszination der Vergangenheit auf meinen Stift? Der ehemals mächtigste Mann der UdSSR? Vielleicht…
Als uns Gorbatschow aufgrund der fortgeschrittenen Zeit verlassen muss, werden noch einige schnelle Fotos geschossen, viele Schüler versuchen gemeinsam mit ihm auf ein Bild zu gelangen, schliesslich kommt diese Gelegenheit vielleicht nie wieder.
Wie bereits angesprochen wird auch der Rückweg zum Wagen durch die Fotografen und das Blitzlicht positiv beeinflusst. Unten angekommen stehen schon die Limousinen bereit. Viele versuchen Herrn Gorbatschow zu verabschieden, uns schüttelt er mehrmals die Hand und gibt Dennis noch etwas Russisches auf den Weg, während er ihm auf die Schulter klopft.
Leider ist der Dolmetscher nicht anwesend, folglich werden wir nie erfahren, was Gorbatschow als letztes zu uns gesagt hat.
Wir stehen noch immer etwas perplex auf dem Hof als auch das letzte Auto den Hof verlässt.
Michail Gorbatschow, der Mann der die Welt veränderte, in unserer Schule, direkt neben mir, begleitet von unzähligen Fotografen –
und das alles in weniger als einer Stunde.

 
 
 
 
 
 

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