Es ist morgens, acht Uhr, als ich die Aula betrete. Es bleibt nicht
mehr viel Zeit um endgültige Änderungen an der Dekoration und
an der Sitzordnung vorzunehmen.
Obwohl der Großteil der Schüler wie gewohnt in den Klassenräumen
sitzt, liegt eine spürbare, aber positive Spannung in der Luft. |
Noch immer wissen wir nicht genau, wann Michail Gorbatschow am Flughafen
Schönefeld eintreffen wird und hoffen die neusten Informationen als
erste zu erfahren.
Einige Schüler, die aufgrund von geschlossenen Bereichen des
Schulgebäudes nicht mehr in ihren Raum zurückkehren können,
laufen neugierig durch die Flure.
9.16 Uhr. Die ersten Pressegäste treffen ein und werden von
uns empfangen. Man klärt sie über den Stand der Dinge auf und
wie es zu diesem außergewöhnlichen Treffen gekommen ist. |
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Immer mehr Leute versammeln sich vor der Haupttreppe im Erdgeschoss,
es gilt nun den Überblick zu behalten und weitere eintreffende Gäste
zu empfangen.
Nach letzten Informationen ist Gorbatschow nun auf dem Weg zur Schule.
Viele von uns sind aufgeregt, es sind nur noch wenige Minuten bis
der ehemalige Generalsekretär mit uns auf der Bühne sitzen wird.
Ein Kamerateam des „Rundfunk Berlin Brandenburg“ steht vor der Schule
und interviewt einige Schüler, mitunter auch mich. Kurz darauf warte
ich dann gespannt mit den anderen auf die Ankunft des damals mächtigsten
Mannes der Sowjetunion.
Ein halbes Dutzend Fotografen, Herr Beutler, Fabienne, Tim-Joschkar,
Dennis und ich stehen am Hofeingang der Schule bereit, als, wie zu besten
Kremlzeiten, Polizeiwagen und schwarze Limousinen auf den Schulhof fahren.
Eine Autotür wird geöffnet und der Mann, auf den wir alle
warten, steigt aus und erste Fotos werden geschossen.
Etwas klein und vor allem alt sieht er aus, der Mann, der die Wiedervereinigung
Deutschlands einleitete. Einige Meter vor uns bleibt er stehen, verneigt
sich leicht und gibt ein „Guten Tag“ mit stark russischem Akzent von sich.
Stolz schütteln wir Gorbatschow die Hand, während die klickenden
Kameras auf uns gerichtet sind.
Im Nachhinein stellt sich heraus, dass der Gang vom Hof zum Podium,
sowie der später folgende Rückweg das Highlight des Besuchs darstellen.
Es gestaltet sich schwierig, dass Gefühl mit Herrn Gorbatschow
die Treppe heraufzusteigen, während seine Leibwächter versuchen
sich einen Weg durch die Fotografen zu bahnen, in Worte zu fassen. Ein
Blitzlichtgewitter solchen Ausmaßes sind vielleicht viele bekannte
Personen gewohnt, sogar auch schon leid, doch ich koste jede Sekunde dieses
besonderen Augenblicks aus.
Den Höhepunkt dieses Spektakels erreichen wir mit dem Betreten
der Aula, dass heißt mit dem Hinaufsteigen zur Bühne. Wie in
Zeitlupe erlebe ich den Moment, wo tosender Beifall den Raum erfüllt,
als Michail Gorbatschow die Aulabühne der HWO betritt und am Tisch
Platz nimmt.
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Fabienne hält die Eingangsrede und übergibt Gorbatschow
dann das Wort, der eine 30-minütige Zusammenfassung seines bisherigen
Werdegangs sowie eine persönliche Beurteilung vergangener und aktueller
Geschehnisse wiedergibt. Unglücklicherweise leidet diese stark unter
der etwas schwer zu verstehenden Übersetzung der russischen Dolmetscherin.
Mehrmals versuchen wir Gorbatschow auf die fortgeschrittene Zeit aufmerksam
zu machen, was sich jedoch schwieriger gestaltet, als wir uns erhofft hatten.
Etwas grimmig willigt er ein sich kürzer zu fassen.
Doch auch ich vernachlässige das Mitschreiben wichtiger Punkte,
die der ehemalige Staatssekretär während seiner Rede anspricht
und ertappe mich dabei, wie ich mir Gorbatschow im Politbüro vorstelle,
den Mann, der die Welt verändern wollte, Glasnost, Perestroika, die
Wörter die einem nicht aus dem Kopf gehen. Obwohl wir alle Gorbatschow
nie während seiner Amtszeit bewusst erlebt haben, strahlt er eine
gewisse Aura aus, der man sich auch als „Nichtinteressierter“ kaum entziehen
kann. |
Einer Assistentin gelingt es schließlich Gorbatschow durch
eine Notiz davon zu überzeugen, die eigentliche Diskussion zu beginnen.
Auch während die Fragen gestellt werden, fällt es mir
schwer mich nicht durch Gorbatschow ablenken zu lassen. Mich interessiert,
was er gerade denkt, wie sieht er unsere Schule, macht ihm das hier tatsächlich
Spass oder ist es nur ein lästiger Termin den man aus Höflichkeit
wahrnimmt, so wie es Teile der Presse aufgefasst haben? |
Plötzlich merke ich wie Gorbatschow meinen Kugelschreiber nimmt,
um ein ihm vorgelegtes Buch zu signieren. Überträgt er etwas
von der Faszination der Vergangenheit auf meinen Stift? Der ehemals mächtigste
Mann der UdSSR? Vielleicht…
Als uns Gorbatschow aufgrund der fortgeschrittenen Zeit verlassen
muss, werden noch einige schnelle Fotos geschossen, viele Schüler
versuchen gemeinsam mit ihm auf ein Bild zu gelangen, schliesslich kommt
diese Gelegenheit vielleicht nie wieder.
Wie bereits angesprochen wird auch der Rückweg zum Wagen durch
die Fotografen und das Blitzlicht positiv beeinflusst. Unten angekommen
stehen schon die Limousinen bereit. Viele versuchen Herrn Gorbatschow zu
verabschieden, uns schüttelt er mehrmals die Hand und gibt Dennis
noch etwas Russisches auf den Weg, während er ihm auf die Schulter
klopft. |
Leider ist der Dolmetscher nicht anwesend, folglich werden wir nie
erfahren, was Gorbatschow als letztes zu uns gesagt hat.
Wir stehen noch immer etwas perplex auf dem Hof als auch das letzte
Auto den Hof verlässt. |
Michail Gorbatschow, der Mann der die Welt veränderte, in unserer
Schule, direkt neben mir, begleitet von unzähligen Fotografen –
und das alles in weniger als einer Stunde. |
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