„Wir wissen nicht, was kommt […].“ Lesung von Katja Lange-Müller am 23. November 2015

Die Schülerinnen und Schüler der Kurse von Frau Böhm und Herrn Witzel konnten im Rahmen des Besuchs von Katja Lange-Müller nicht nur der ersten Binnenerzählung aus ihrem im nächsten Jahr erscheinenden Roman „Drehtür“ lauschen. Sie durften auch eine Schriftstellerin kennenlernen, die alle Facetten des Berliner Tag- und Nachtlebens ebenso erzählend zum Leben erwecken kann, wie den unverhohlen-ehrlichen Tonfall im manchmal noch rauen Wedding.

Bereits zu Beginn bricht Frau Lange-Müller das Eis, als sie erzählt, wie sie neulich in ihrem Weddinger Kiez von einigen jungen Männern angesprochen wurde mit den Worten „Du hast es gut. Du hast es bald hinter Dir!“. Das Lächeln und Eingeständnis, dass etwas Wahres dran sei, da sowohl den Jungen und als auch den Alten die Angst vor dem, was kommt, gemeinsam ist, folgte schnell ihrer ersten Empörung. Die nun folgende Lesung dreht die Zeit zurück; wir befinden uns in der 1960er Jahren in Berlin Mitte unweit der nordkoreanischen Botschaft. Die Episode um den jungen nordkoreanischen Botschaftskoch, dessen Name die Schriftstellerin ihre Erzählerin wohlweislich nicht erfahren lässt, weckt nicht nur bei den Schülerinnen und Schülern Lust, den Roman schnellstmöglich nach Erscheinen in die Hände zu nehmen. Im anschließenden Gespräch verrät Frau Lange-Müller den Schülerinnen und Schülern, was sie nach vielen Jahre als Pflegerin auf psychiatrischen Stationen zur Schriftstellerei gebracht hat, warum sie im Alter von 15 Jahren der Schule verwiesen wurde und einige Jahre in der Teppichfabrik „Wilhelm Pieck“ in Ulan Bator verbracht hat.

Auch wenn wir nicht wissen, was die nächsten Jahre und Jahrzehnte mit sich bringen, so hoffen wir doch, dass Frau Lange-Müller schnell wieder zu Gast am Hildegard-Wegscheider-Gymnasium sein wird, um mit uns gemeinsam der Angst, vor dem, was kommt, lesend und erzählend zu begegnen.

UND DA WARS VORBEI MIT DEN RESSENTIMENTS…“ Katja Lange-Müller zu Besuch in einer Deutschstunde zu ihrem Buch „Böse Schafe“, veröffentlicht im Süddeutsche Magazin vom 23. Oktober 2015

Das Ende der zweiten Doppelstunde naht; und ich bin froh, fast glücklich über ein derart reges und unbefangenes Interesse an Literatur, meiner Literatur. Die Distanz zwischen dieser feinen Gegend hier und dem plebejischen Wedding, in dem Harald Juhnke und mein Harry Krüger auf die Welt kamen, und in dem ich, wenngleich nicht besonders gerne, immer noch lebe, ich spüre sie nicht mehr. Auch der Abstand der Roman-Zeit zur jetzigen ist in diesem sommerwarmen Klassenzimmer dahingeschmolzen wie die sprichwörtliche Butter in der Sonne.

Und so laufe ich eines sonnigen Montagmorgens Ende Juni die von eleganten und protzigen Villen gesäumte Wilmersdorfer Lassenstraße entlang, vorbei an der Gedenktafel für den letzten Star-Berliner Harald Juhnke, der, ehe er ins Pflegeheim musste, zwanzig Jahre hier gewohnt hatte und dessen Adresse jeder Taxifahrer kannte. Nein, ich fürchte mich nicht. Etwas beklommen ist mir aber trotzdem zumute, denn ich komme, wie einst mein Idol Harald Juhnke, aus dem Wedding, den man, bis selbst in diesem weitab von jeder „Szene“ gelegenen Stadtteil das Gespenst der Gentrifizierung zu spuken begann, „den Osten des Westens“ nannte, und habe nie ein Abitur gemacht; dass Juhnke auch keins hatte, tröstet mich, angesichts des prächtigen Schulgebäudes, dem ich plötzlich gegenüberstehe, nicht wirklich. […]

Es läutet, die Stunde beginnt, alle Schüler erheben sich und begrüßen ihre Lehrerin, laut und namentlich, wie in einem alten Film. […] „Die Bombe“, das ist auch der Titel dieser „Unterrichtseinheit“, für die die Lehrerin Zettel vorbereitet und soeben verteilt hat. Innerhalb kürzester Zeit sollen die Schüler, die, wie mir nun klar wird, meinen Roman erst bis Seite 140 der Taschenbuchausgabe gelesen haben, nicht etwa mündlich, sondern schriftlich darüber spekulieren, wie es weitergeht. […] Und während ich abwechselnd mein Exemplar des Zettels und die Rücken der Schüler anstarre, denke ich erstaunt, dass dies ja eher eine Aufgabe für Schreiber denn eine für Leser ist; und schon geht mir ein Licht auf, wohl nicht zum ersten Mal, doch nie zuvor hat es derart hell geleuchtet, erst recht nicht in einem Klassenzimmer. Klar, denke ich, Leser sind, bis sie ans Ende ihrer Lektüre gelangen, potenziell Mitscheibende. Diese Lehrerin vertraut ihren Schülern, ihrer Intelligenz, ihrer Fähigkeit zur Empathie, ihrer Kreativität; sie fordert von ihnen, zu sehen, was geschrieben steht – und nicht nur die Buchstaben, sich hineinzuversetzen in eine Situation, so, als seien sie dabei gewesen. Mehr noch, sie sollen den Faden der Handlung aus der Perspektive der Figuren, in die sie als Leser geschlüpft sind, als Schreibende fortspinnen. […]

Und ich denke: Wenn ich Shirin damals hätte fragen können und meine Soja ihren Rat vielleicht sogar beherzigt hätte, wäre „Böse Schafe“ ein anderes, womöglich besseres Buch geworden. Das Ende der zweiten Doppelstunde naht; und ich bin froh, fast glücklich über ein derart reges und unbefangenes Interesse an Literatur, meiner Literatur. Die Distanz zwischen dieser feinen Gegend hier und dem plebejischen Wedding, in dem Harald Juhnke und mein Harry Krüger auf die Welt kamen, und in dem ich, wenngleich nicht besonders gerne, immer noch lebe, ich spüre sie nicht mehr. Auch der Abstand der Roman-Zeit zur jetzigen ist in diesem sommerwarmen Klassenzimmer dahingeschmolzen wie die sprichwörtliche Butter in der Sonne. […]

Die Klingel schrillt, und offen bleiben manche Frage und manche Antwort […] mit mir und ihren Schülern, die jetzt aufstehen und sich verabschieden und ganz zuletzt wissen wollen, ob ich Lust hätte, einmal wiederzukommen. Ja, diese Lust habe ich; doch ich verspüre, wie seit Wochen nicht mehr, noch eine andere Lust, die, schnell weiterzuschreiben an meinem neuen Roman. Der, denke ich, sollte bald mal gedruckt und dann gelesen werden, etwa von so inspirierenden jungen Menschen, nein, Co-Autoren, wie denen, die ich heute kennenlernen durfte.

Süddeutsche Magazin Nr. 43 vom Oktober 2015, S. 42f.

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